Zur gemeinsamen Sitzung von Jugendhilfeausschuss, Ausschuss für Schulen, Kultur und Sport sowie Ausschuss für Soziales am 31. August 2026 referierte Dr. Susanne Knabe vom Thüringer Landesamt für Statistik zum Bevölkerungsrückgang in Landkreis Nordhausen. Bis 2045 sinkt die Einwohnerzahl im Kreis von rund 81.000 auf etwa 64.000. Die Zahl der Grundschulkinder geht bis 2037 um 34 Prozent zurück, die der 10- bis unter 18-Jährigen ab 2030 um 33 Prozent, die der 50- bis unter 65-Jährigen um 28 Prozent.

Und schon setzt der Reflex ein. Im Landkreis wird nun über die Schließung von mindestens drei Kindertagesstätten gesprochen, bis zu 660 Plätze könnten in zehn Jahren wegfallen. Der Kita-Neubau in Ilfeld ist abgeräumt. In der Schulnetzplanung liegt bereits der Satz auf dem Tisch, nicht jede „Dorfschule“ werde zu halten sein, so die Verwaltung.

Wir halten diese Herangehensweise für falsch. Nicht, weil die Zahlen falsch wären, sondern weil daraus der bequemste und nicht der richtige Schluss gezogen wird. Eine Einrichtung zu schließen ist die letzte Maßnahme, nicht die erste. Wer sie zur ersten macht, verwaltet den Mangel und vergrößert ihn.

Was die Vorausberechnung ist

Frau Dr. Knabe hat das nicht nur gesagt, sie hat es auf ihre Zusammenfassungsfolie geschrieben: sie zeige keine Prognosen, sondern Wenn-Dann-Aussagen. Treffen die Annahmen nicht ein, trifft das Ergebnis nicht ein. Unvorhersehbare Ereignisse sind nicht abbildbar. Die Entwicklungen der nächsten Jahre etwa auf dem Arbeitsmarkt oder auch das private Leben durch die KI-Revolution sind völlig unberücksichtigt. Freilich auch mögliche Krisen und Kriege. Die Rechnungen müssen regelmäßig neu erstellt werden und kommen dann zu anderen Ergebnissen. Und, wörtlich auf derselben Folie: Vorausberechnungen für kleine Gemeinden sind mit größeren Unsicherheiten verbunden.

Wie ernst das zu nehmen ist, zeigt eine Linie auf ihrer letzten Grafik. Die 3. rBv, die Vorgängerrechnung, liegt deutlich über der heutigen: sie hätte für 2045 mehrere tausend Einwohner mehr ausgewiesen. Es ist nicht lange her, dass genau diese Zahlen amtlich waren.

Entscheidend ist, woher die Annahmen kommen: Geburten-, Sterbe- und Wanderungsraten werden aus den letzten Jahren abgeleitet und fortgeschrieben. Die Vorausberechnung ist damit im Kern hochgerechnete Vergangenheit. Was ein Landkreis künftig tut oder unterlässt, kommt darin nicht vor. Ein neues Wohngebiet, eine Gewerbeansiedlung, ein gehaltener Schulstandort, nichts davon steckt in den Kurven.

Daraus folgt zweierlei. Erstens: Wer die Zahlen als Schicksal behandelt, liest sie falsch. Zweitens, und darauf kommt es an: Auch das Gegenteil steckt nicht darin. Die Rechnung zeigt nicht, was passiert, wenn ein Dorf seine Kita verliert. Sie unterstellt stillschweigend, dass alles so weiterläuft wie bisher.

Man kann eine Rechnung nicht als Beleg für eine Entscheidung heranziehen, deren Folgen die Rechnung gar nicht abbildet.

Der Rückbau erzeugt, was er voraussetzt

Eine geschlossene Kita ist kein neutraler Vorgang. Sie ist ein Standortnachteil, der sofort wirkt und dauerhaft bleibt. Junge Familien entscheiden nicht nach Bevölkerungsvorausberechnungen. Sie entscheiden danach, ob es im Ort eine Betreuung gibt, er lebenswert ist und ob das Kind vierzig Minuten im Bus sitzt, ob beide Eltern arbeiten können. Fällt die Einrichtung weg, kann der Ort aus der Auswah fallenl. Wer geht, geht mit Kindern und im gebärfähigen Alter, also mit genau dem Teil der Bevölkerung, dessen Fehlen die nächste Rechnung noch pessimistischer macht. Drei Jahre später steht in der 5. rBv eine schlechtere Zahl, und die dient dann zur Begründung der nächsten Schließung.

Das ist keine Planung. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung mit statistischem Anstrich.

Dazu kommt der Maßstabsfehler. Zieht eine vierköpfige Familie nach Kehmstedt, sind das dort ein Prozent Bevölkerungsgewinn; dieselbe Familie in Nordhausen bewegt ein Hundertstel davon. Fällt ein solcher Zufall in den Referenzzeitraum, wird er in die Zukunft fortgeschrieben und umgekehrt genauso. Die Zahlen sind also ausgerechnet dort am unsichersten, wo die Schließungen anstehen. Auf dieser Grundlage Standorte aufzugeben, ist nicht vorsichtig, sondern leichtfertig.

Die Talsohle ist nicht das Zielniveau

Hier liegt der Punkt, an dem die Folien selbst gegen den Rückbau sprechen. Man muss sie nur bis zum Ende lesen. Die Zahl der unter Sechsjährigen fällt von 3.020 im Jahr 2025 auf rund 2.580 zu Beginn der 2030er Jahre. Das ist der viel zitierte Rückgang um 15 Prozent. Dann aber steigt sie wieder auf 2.840 im Jahr 2045. Gegenüber der Talsohle ist das ein Plus von rund zehn Prozent, gegenüber heute ein Minus von sechs.

Dasselbe Muster bei den Kita-Kindern: Die Zahl der zu betreuenden Kinder ab drei Jahren sinkt bis Mitte der 2030er Jahre von 2.300 auf 1.600 und steigt danach wieder auf 1.800. Bei den unter Dreijährigen geht es von 800 auf 700 und zurück auf 800. Bei den Grundschulkindern: Tiefpunkt 1.870 im Jahr 2037, 2045 wieder 2.000.

Und der Grund dafür steht ebenfalls in den Folien. Die Zahl der 18- bis unter 27-Jährigen steigt bis 2034 um zwölf Prozent, von 6.480 auf 7.280. Das sind die geburtenstarken Jahrgänge 2014 bis 2018, die ins Elternalter kommen. Sie sind bereits geboren, sie leben hier, und sie sind zahlreicher als der heutige Jahrgang.

Wer den Bestand bis 2032 auf das Niveau der Talsohle zurückfährt, hat exakt dann nichts anzubieten, wenn dieser Jahrgang Kinder bekommt. Man würde in die Senke hinein abreißen und säße auf dem Rückweg fest. Eine Kita, die 2031 geschlossen wird, fehlt 2040 — nur dass sie dann nicht wieder aufgeht.

Dasselbe gilt für die Pflege, mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Zahl der 80- bis unter 90-Jährigen sinkt bis 2031 um 16 Prozent und steigt danach bis 2045 um 25 Prozent. Bei den Hochbetagten ab 90 steht bis 2031 ein Zuwachs von 48 Prozent bevor, bis 2045 sind es 39 Prozent gegenüber heute; die Gemeinderechnung kommt sogar auf 64 Prozent. Das Zeitfenster für den Ausbau ist jetzt, und es schließt sich Anfang der 2030er Jahre.

Die Grundlage ist noch gar nicht fertig

Ein Detail von Folie drei, das in der Sitzung unterging und das jeden übereilten Beschluss verbietet: Die Anschlussrechnungen des Landesamtes auf Basis der 4. rBv sind erst teilweise fertig. Privathaushalte, Schülerzahlen und Erwerbspersonen liegen vor. Die Anschlussrechnungen zur Kindertagesbetreuung, zu Krankenhausfällen und zu Pflegebedürftigen kommen erst bis Ende 2026.

Die amtliche Berechnung des künftigen Kita-Bedarfs auf Grundlage der aktuellen Kreisrechnung existiert noch nicht. Was in der Sitzung gezeigt wurde, war eine Überschlagsrechnung der Referentin, Kinderzahlen multipliziert mit den Betreuungsquoten der Jahre 2023 bis 2025.

Wer vor Ende 2026 über Kita-Schließungen entscheidet, entscheidet also, bevor die zuständige Behörde ihre Zahlen vorgelegt hat. Das ist nicht zu rechtfertigen.

Der übersehene Hebel: die Betreuungsquote

Auf derselben Folie steht eine Zahl, über die niemand gesprochen hat. Die durchschnittliche Betreuungsquote im Landkreis Nordhausen lag 2023 bis 2025 bei 98 Prozent für die Drei- bis Sechsjährigen — und bei 57 Prozent für die unter Dreijährigen.

Der Platzbedarf ergibt sich aus zwei Faktoren: der Zahl der Kinder und der Betreuungsquote. Die Kinderzahl ist vorgegeben. Die Quote ist es nicht. Bei den über Dreijährigen gibt es keinen Spielraum mehr, bei den unter Dreijährigen liegen mehr als vier von zehn Kindern außerhalb der Betreuung.

Steigt die U3-Quote in den kommenden Jahren, kompensiert das einen erheblichen Teil des Rückgangs und es entspricht dem, was berufstätige Eltern brauchen. Fällt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter zusätzlich ins Gewicht, gilt dort Vergleichbares. Wer Kapazitäten abbaut, ohne diese Quote zu diskutieren, rechnet mit der Hälfte der Gleichung.

Was zuerst zu prüfen ist

Wir bestreiten nicht, dass es Anpassungen geben muss. Wir bestreiten die Reihenfolge. Bevor über einen einzigen Standort entschieden wird, gehört Folgendes auf den Tisch:

  1. Gruppengrößen und Betreuungsschlüssel. Sinkende Kinderzahlen sind zuerst eine Chance auf Qualität. Kleinere Gruppen sind das, wofür Eltern und Erzieherinnen seit Jahren streiten. Diese Chance zu nutzen statt Plätze abzubauen ist eine politische Entscheidung und sie ist zu treffen, bevor die Standortfrage überhaupt gestellt wird.
  2. Die Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen. Siehe oben. 57 Prozent sind kein Naturgesetz.
  3. Mehrfachnutzung statt Aufgabe. Ein Gebäude, das für eine Nutzung zu groß ist, ist für zwei oft genau richtig. Kita und Hort, Schule und Dorfgemeinschaftshaus, Bibliothek, Vereinsräume, Tagespflege, Bürgerbüro, Arztsprechstunde. Das erfordert Arbeit an Trägerschaft, Brandschutz und Förderrecht. Es ist mühsamer als ein Schließungsbeschluss und es hält die Struktur.
  4. Die Fahrzeiten ehrlich rechnen. Jeder Schließungsbeschluss verlängert Schulwege. Wer Einsparungen ausweist, ohne Beförderungskosten und Fahrzeiten danebenzustellen, rechnet unvollständig.
  5. Das Finanzierungssystem angehen. Weniger Kinder bedeuten weniger Elternbeiträge, während die Fixkosten bleiben. Das ist kein Naturgesetz, sondern die Folge einer Finanzierung, die an Plätzen statt an Standorten hängt. Hier ist das Land gefordert: Wer den ländlichen Raum erhalten will, braucht eine Sockelfinanzierung für kleine Einrichtungen und einen Demografiefaktor im kommunalen Finanzausgleich. Diese Forderung gehört aus dem Kreistag heraus nach Erfurt getragen, statt sie in Ortschaftsräten abzuarbeiten.
  6. Und die eigentliche Aufgabe: Arbeitsplätze. Die Zahl der 27- bis unter 50-Jährigen sinkt bis 2040 um ein Viertel, die der 50- bis unter 65-Jährigen bis 2045 um 28 Prozent. Die Erwerbspersonenrechnung des Landesamtes auf Basis der 4. rBv ist laut Folie bereits fertig. Wer soll zuziehen, wenn es hier nichts zu arbeiten gibt? Vollerschlossene Gewerbeflächen, die seit Jahren brachliegen, sind ein schwererer Vorwurf an die Kreisentwicklung als jede Kita-Bilanz. Ansiedlung, Fachkräftesicherung, Wohnraum, Bauland, Verkehrsanbindung — das ist die Arbeit, die den Zähler beeinflusst. Der Rückbau beeinflusst nur den Nenner.

Erst wenn all das geprüft, versucht und dokumentiert gescheitert ist, steht eine Schließung an. Dann mit klaren, vorher beschlossenen Kriterien und mit früher Beteiligung von Elternvertretungen, Lehrerschaft und Ortschaftsräten, nicht als Mitteilung nach der Entscheidung.

Warum das mehr ist als eine Standortfrage

Der Rückgang der Bevölkerung in fast allen Ländern der „westlichen Welt“ ist ein Begleitphänomen jeder reif gewordenen Zivilisation. Rom hat mit Ehegesetzgebung und Alimentarstiftungen dagegen angekämpft und verloren. Gewachsene Verbände zerfallen, was Nachbarschaft und Familie einmal selbst regelten, übernimmt Verwaltung, eigene Tätigkeit wird an Apparate delegiert, Wirklichkeit durch bereitgestellte Angebote ersetzt. Wer so lebt, setze seltener Kinder in die Welt.

Man muss diese Deutung nicht teilen. Der Blick über die Grenzen macht es allerdings schwer, sie abzutun: 654.300 Lebendgeborene 2025 in Deutschland, der niedrigste Wert seit 1946. Westeuropa in einem Korridor zwischen 1,1 und 1,6. Ungarn und Rußland kommen trotz massiver Förderung nicht über 1,5. Südkorea liegt bei 0,68. Kein Land hat den Trend mit familienpolitischen Instrumenten gebrochen.

Für uns folgt daraus kein Fatalismus, sondern eine Konsequenz in die entgegengesetzte Richtung. Wenn das Problem darin besteht, dass gewachsene Gemeinschaft durch Verwaltung ersetzt wird, dann ist das Schlechteste, was wir tun können, die letzten Orte gelebter Gemeinschaft abzuwickeln, weil eine Tabelle es nahelegt. Die Dorfschule, die Kita, das Freibad, das Feuerwehrhaus, die Bibliothek: Das sind keine Kostenstellen. Das sind die Orte, an denen ein Gemeinwesen für seine Bewohner überhaupt sichtbar wird. Wer sie schließt und dafür Verwaltungseffizienz ins Feld führt, begeht genau den Fehler, den die Diagnose beschreibt.

Unsere Position

Der Bevölkerungsrückgang ist real, und niemand in diesem Kreistag kann ihn aufhalten. Wir behaupten das auch nicht. Wer verspricht, die Kurve umzukehren, verspricht etwas, das in keinem vergleichbaren Land bislang gelungen ist.

Aber zwischen „wir können den Rückgang nicht aufhalten“ und „wir schließen Kitas und Schulen“ liegt der gesamte Handlungsspielraum kommunaler Politik. Diesen Spielraum kampflos zu räumen und das Ergebnis Sachzwang zu nennen, ist keine Verantwortung, sondern deren Gegenteil.

Der Landkreis kann entscheiden, ob er schrumpft oder ob er sich auflöst. Das ist nicht dasselbe. Ein Landkreis mit weniger Menschen, aber intakten Orten, ist etwas anderes als ein Landkreis, in dem die Menschen weniger werden, weil die Orte nichts mehr bieten.

Wir werden deshalb jede Schließungsbeschluss daran messen, ob vorher alles andere versucht wurde. 

Zukünftige Bevölkerungsentwicklung im Landkreis Nordhausen